MOOCs in Deutschland, die verpasste Chance

Deutschland hat es gut, denn in Deutschland ist Bildung umsonst. Das lernt man erst zu schätzen, wenn man öfters im Ausland war und sieht, was Menschen zahlen müssen, um überhaupt Bildung zu erhalten. Deutschland ist auch Exportweltmeister bzw. wir waren es. Die Marke “Made in Germany” ist berühmt und steht für Qualität und Zuverlässigkeit. Der deutsche Ingenieur ist weltweit anerkannt und wir trauern ihm immer noch hinterher. Wenn man jetzt eins und eins zusammenrechnen würde, also freie Bildung und Export, dann könnten wir eigentlich MOOC-Export-Weltmeister sein. Das hätte viele Vorteile, denn Deutschland braucht gute Fachkräfte und das Problem ist, diese Fachkräfte zu finden. Eine internationale Bildungsplattform “Made in Germany” könnte hier sehr helfen, zum einen kann man die Kursbesten dank Learning Analytics sehr schnell finden und Sie persönlich ansprechen. Zum anderen kann man bestimme Affiliate-Programme starten, um z.B. Aufenthaltsgenehmigungen, Arbeitsplätze oder andere Mehrwerte zu vermitteln. Die Frage ist daher, warum sind wir es nicht?

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Warum sind MOOCs in Deutschland ein Nischenprodukt?

MOOCs stehen symbolisch für freie Bildung. Dieses Versprechen haben sie aber kaum gehalten, jedenfalls nicht bei den großen US Anbietern, die eigentlich alle inzwischen Payment-Modelle haben. Es gibt jedoch noch hunderte wenn nicht sogar tausende freier Kurse. Jedoch kommen kaum welche aus Deutschland, denn nur das HPI mit OpenHPI und wir Lübecker mit mooin (inzwischen umbenannt in www.oncampus.de) haben Plattformen und entwickeln auch MOOCs. Vielleicht hat ganz Deutschland 200 MOOCs in den letzten 5 Jahren entwickelt. In Lübeck listen wir auch MOOCs anderer Anbieter wie iMooX und Uni Marburg und hoffentlich auch bald die MOOCs vom HPI. Hier gibt es eine aktuelle Übersicht.

Es gibt viele Gründe, warum die MOOCs in Deutschland nicht funktionieren. Zum einen versucht jede Hochschule ihr eigenes Ding Bildungsplattform zu machen. Auch wenn die Hochschule nur einen MOOC entwickelt muss dieser unbedingt auf einer eigenen Plattform, sei es WordPress oder Moodle, mit eigenem Branding und eigener URL laufen. Die Kosten und die Qualität spielen da keine Rolle und Nachhaltigkeit wird nur symbolisch in den Projektantrag geschrieben. Dabei funktionieren MOOCs nur über Reichweite und dafür braucht es eine große reichweitenstarke Bildungsplattform. Ich vergleiche daher eine MOOC-Plattform immer mit Amazon und seinen Shop-in-Shop-Systemen. Daher sollte einen Mandantenfähigkeit eine große Rolle spielen.

Der Kunde/Lerner will das nächstbeste Kurs-Angebot für seine Interessen nur einen Klick entfernt finden, ähnlich wie bei Amazon. Wer diesen Kurs belegt hat, der hat auch diesen Kurse belegt. Dabei ist es ihm meist egal, ob der Kurs aus Aachen, Berlin, Lübeck oder Koblenz kommt. Oft ist es ihm auch egal, ob der Kurs kostenfrei ist oder nicht, Hauptsache er ist passend und schnell verfügbar.  Hochschulen denken jedoch nicht aus Kundensicht, wo wir gleich bei Problem zwei sind.

Hochschulen denken immer nur an ihre Interessen und ihre Studierende. Das Bildungsangebot einer Hochschule beginnt meist mit der Einschreibung und endet mit der Graduiertenfeier. Das lebenslange Lernen hat jedoch wenig mit Hochschule zu tun. Das Wissen, was man in der Hochschule erlangt, hat oft nur eine kurzen Haltbarkeitswert, gerade bei Themen wie Big Data, KI, Jura oder Medizin. Wichtiger sind die Kompetenzen, die man erhalten sollte, also wie lernt man schnell und erkennt das Wichtige oder wie kann man die Relevanz beurteilen. Daher sollten Hochschulen den Lerner Kunden lebenslang begleiten und das gilt nicht nur für die Absolventen der eigenen Hochschule sondern für die gesamte Gesellschaft. Das nennt man “Öffnung der Hochschule” aber Hochschulen setzen andere Prioritäten. Wenn man hier von lebenslangen Angeboten spricht, sind oft Alumni-Netzwerke gemeint und diese sind dann auch in geschlossenen Systemen. Man kann nur erahnen, was es intern alles gibt, abgeschottet durch Firewalls und Hochschulzugänge.

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Zuletzt haben wir die MOOC Anbieter ohne Infrastruktur. Das sind die ganzen Bildungseinrichtungen, die keine gewachsenen IT Infrastrukturen haben, die staatlich gefördert sind, z.B. Volkshochschulen, Schulen, Berufsschulen und natürlich die vielen Vereine, die sich auch in der Bildung engagieren. Alle haben zwar IT, aber selten Rechenzentren und erst recht keine Developer. Hier gibt es StrickMOOCs, VolleyballtrainerMOOCs, SeniorenMOOCs aber auch KlimaMOOCs, die alle eine große Nachfrage haben, aber keinen akademischen Anspruch. Diese Institutionen sind oft zu klein um eine eigene Infrastruktur aufzubauen. Wozu auch, denn dafür sollte es Plattformen in der Cloud geben, die man dafür nutzen kann. In Deutschland sprechen viele von einer Bildungscloud (damit werden oft Länderlösungen für Schulen bezeichnet) und vergessen, dass wir in Lübeck schon längst so eine Bildungscloud anbieten. Das ist auch wichtig, denn sonst würde es diese Angebote nicht geben und das machen wir kostenfrei nebenbei und auch ohne Förderung. Jeder der einen MOOC bei uns machen will, braucht keine Hostingkosten zahlen. Er muss nur das Tutorial  “mooin maker” durcharbeiten und kriegt dann einen leeren MOOC angelegt. Dann kann er theoretisch loslegen, ob die Qualität stimmt, ist dann eine neue Diskussion, aber viel wichtiger ist, das etwas passiert und die Einstiegshürden niedrig sind. Sonst diskutieren wir wieder jahrelang, aber es passiert nichts und man lernt nichts dazu. Ich sage dazu nur ein Wort: “Qualitätssicherung“.

Wird wirklich eine nationale Bildungsplattform gebraucht?

Inzwischen hat auch das BMBF erkannt, dass wir irgendwas wie eine nationale Bildungsplattform brauchen. Dafür gab es eine Machbarkeitsstudie, die dann auch ergeben hat, dass dieses Vorhaben möglich und auch sinnvoll ist. Bevor es Kritik über den Sinn dieser Studie gibt, bitte beachtet, dass man ohne Studie keine Plattform ausschreiben darf. Das wäre sonst Verschwendung von öffentlichen Geldern.

Laut meinen Infos wird die Ausschreibung für diese Plattform erst 2020 passieren und damit wird ein Start 2022 oder 2023 wahrscheinlich sein. Bis dahin werden Cousera, Udacity, Udemy aber auch oncampus weiterentwickeln. Die Bildungsplattform wird bei Null starten und wahrscheinlich von Leuten entwickelt, die keinerlei Erfahrung mit MOOC-Plattformen haben.  Ob man 2023 immer noch eine solche Plattform braucht, von dem Konzept eines Monolithen, in einer zukünftig vernetzten Welt, wird sich zeigen. Die Konzepte, die wir heute denken, werden in fünf Jahren nicht mehr aktuell sein, das weiss selbst ich. Und ob bei dem Konzept auch an andere Bildungsorganisationen außer Hochschulen gedacht wird, darf bezweifelt werden und warum überhaupt Hochschulen dort Angebote platzieren sollten, wird die große Aufgabe sein. Denn nur damit, kann eine solche Plattform erfolgreich sein.

Damit wären wir dann aber wieder bei der Ausgangssituation und der Grund, warum ich das hier schreibe.

Was wäre passiert, wenn wir “Made in Germany”-MOOCs exportiert hätten?

Als ich vor ein paar Monaten in Südafrika war, ist mir aufgefallen, dass unsere Ingenieure Weltruhm haben. Wir haben, auch wenn wir in Deutschland hart unsere Bildungsqualität kritisieren, auf der ganzen Welt ein “Made in Germany” Ruf, der seinesgleichen sucht. Deutsche Ingenieure werden überall gesucht und werden zum reparieren der deutschen Maschinen sogar eingeflogen. Südafrika bildet nur sehr wenige MINT-Studiengänge aus. Alle wollen Manager werden, trotz starken Bergbaus und einer ausgezeichneten MINT-Nachfrage. Die lokalen Ingenieure, sind oft mit der Technologie-Entwicklung überfordert. Heute sind die Produktzyklen unglaublich schnell und Afrika überspringt oft ganze Generationen an Entwicklung. So gibt es keine flächendeckende Verkabelung, sondern es wird gleich alles kabellos gemacht. Dieser Wissensgap wird in den nächsten Jahren noch größer, denn die Entwicklungszeiten werden immer kürzer und die Systeme immer komplexer und dank Internet of Things auch immer mehr aus der Ferne wartbar. Die Entwicklungsländer haben kaum Chancen, ihre Lehrinhalte der Geschwindigkeit anzupassen. Hier wird die Digitalisierung noch härter zuschlagen, als bei uns. Das bedeutet aber auch, dass viele Länder unser Wissen brauchen und dann auch zu schätzen wissen. Eine Bildungsplattform könnte ein internationales digitales Netzwerk gründen, von dem nicht nur die Hochschulen profitieren, sondern auch die Wirtschaft.

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Unser Ansatz der internationalen Bildungsstrategie wird aber heute immer noch analog geführt. Federführend seien hier das DAAD, das Goethe-Institut und das Erasmus-Programm genannt. Von internationalen MOOCs und einer Bildungsplattform, hab ich bei diesen Organisationen noch nie etwas gehört. Ich weiss jedoch, dass auch darüber nachgedacht wird, teilweise auch von uns angeregt. Das BMBF ist da sehr innovativ, obwohl man das nicht immer erwartet. Wir werden sehen, was 2020 bei dem deutschen Ansatz der Bildungsplattform passieren wird. Es bleibt weiterhin spannend.

 

  1. tolltolltoll! Danke dafür🙂. Lesen & verbreiten! Sharing is caring. Und btw. stimme ich dem Autor zur Gänze zu: Bildung ist hierzulande wirklich (völlig) umsonst 😉

  2. Ja Andreas, wie so oft kann ich Dir zustimmen.
    Stellen wir uns folgendes vor: MOOCs sind total erfolgreich. Die Teilnehmerzahlen gehen durch die Decke, erreichen Zahlen, die die Macher*innen kaum für möglich hielten. Nehmen wir das mal an. Was passiert? Nach aktueller Lage in der Erwachsenenbildung würden diese MOOCs eingestampft werden. Die MitarbeiterInnen dieser Einrichtungen würden für weitere MOOCs keine Freiräume bekommen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.
    Glaubst Du nicht?

    2013 – Storytelling MOOC – 93.000 Einschreibungen – FH Potsdam
    ( https://www.fh-potsdam.de/forschen/projekte/projekt-detailansicht/project-action/the-future-of-storytelling-mooc/)

    2015 – ichMOOC – 1.600 Einschreibungen (größter VHS-Kurs) – VHS Hamburg/Bremen
    ( https://www.oncampus.de/weiterbildung/moocs/ichmooc )

    Auch der VHS-MOOC (2013) oder der StrickMOOC (2015) wurden von den Organisationen nicht zum Anlass genommen, neue Formate zu etablieren, obwohl beide MOOCs sehr erfolgreich waren. Dabei wären MOOCs aus der Erwachsenenbildung doch ein geeignetes Mittel mit über 900 Volkshochschulen (MOOCbars) eine Bildungsoffensive für ein Leben in der digitalisierten Gesellschaft zu realisieren.

    Mein Vorschlag: labelt “oncampus” in “German-MOOCs” um und schon ist die deutsche MOOC-Plattform da. Ihr listet, wie bisher, die MOOCs der anderen Einrichtungen auf und fertig. Und was noch schöner ist: mit Eurem Service zur MOOC-Produktion braucht es die Bildungseinrichtungen noch nicht mal. Haben wir (Nina Oberländer, Anja Wagner und ich) 2017 mit dem MOOC Leuchtfeuer4.0 ja auch erfolgreich hinbekommen
    Nur Mut – warten bringt ja nichts.

    • Lieber Joachim,

      vielen Dank für Deinen Beitrag. Ja in der Tat sind etliche MOOCs nicht nachhaltig und vor allem, sind viele Macher, nach dem MOOC Erfolg lieber gegangen, als in die alte analoge Institution zurückzugehen, nachdem man an den Möglichkeiten des Netzes geschnuppert hat. Warum die Organisationen das nicht angenommen haben, hab ich bis heute nicht verstanden. Du hast übrigens Leuphana als Beispiel vergessen, das fand ich noch viel extremer und wer kann sich noch an iversity erinnern? Allerdings interessieren mich auch andere Organisationen nicht allzu viel.

      Ich hab gesehen bzw. wir bei oncampus haben dazugelernt und haben einiges von deinen Punkten umgesetzt, z.B. den Relaunch von oncampus inkl. der Namenslöschung von “mooin” mit der Verschmelzung von kostenfreier und kostenpflichtiger Weiterbildung. Ich werde das beim nächsten Blogbeitrag (hoffentlich nicht in 11 Monaten) ausführen. Und ja ich glaube, dass wir in Deutschland schon längst eine “nationale” Bildungsplattform haben, nur weiss das keiner und sie ist größer, als “nur” für MOOCs. Da müssen wir weiter denken und es hat auch einen Grund, warum wir den MOOChub haben und wir mit dem HPI und iMooX sprechen, denn wir sind sicherlich schneller, als das BMBF. Im Jahr 2018 kommt es nämlich auf das Netzwerk dahinter an und nicht auf die Software oder die Features. Das sind inzwischen jahrelange Erfahrungen und Netzwerke, die in Prozessen und Arbeitskultur enden. Ob wir allerdings oncampus umlabeln, darf bezweifelt werden. Ich hab immerhin gut 10 Jahre gebraucht, um mir zu merken, wo ich arbeite 😉

      Liebe Grüße
      Andreas

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