Was haben MOOCs und Online-Journalismus gemeinsam und warum scheitert Blended Learning?

Was haben MOOCs und Online-Journalismus miteinander zu tun? Ganz einfach, sie haben die gleichen Problemfelder und gehen konsequent vielleicht sogar radikal in eine neue Richtung.

tl;dr

Ich hab schon sehr viel vom Scheitern des E-Learning gelesen, damit ist aber immer das Blended Learning gemeint gewesen. Das fatale dabei ist, dass beim Blended Learning analoge Konzepte, digital nacherzählt wurden. Sie bleiben aber dennoch analog, das sieht man an den PDFs und dem Wunsch alles auszudrucken um es dann “mobil” mitnehmen zu können. Das funktioniert aber nicht. Es ignoriert die Möglichkeiten des Netzes (Video, Audio, Interaktivität und vor allem die Hyperlinks) und vor allem ignoriert es den Kunden. Der Journalismus steckt da in dieser Zwischengeneration fest, denn die analogen Konzepte funktionieren nicht mehr und die digitalen sind noch nicht soweit, dass sie funktionieren. Fakt ist, dass jeder Verlag massiv Kunden und Auflagen verliert.

Bei den Hochschulen ist dies vergleichbar, auch wir sitzen fest. Das Allheilmittel der Digitalisierung, nämlich das Blended Learning als Kompromiss-Lösung, funktioniert bekanntlich nicht wirklich, aber es ist besser als nichts. Wir stecken da fest, denn bis auf ein paar Einzelprojekte tut sich nichts großartiges. Das liegt meist daran, dass auch hier analoge Konzepte einfach 1:1 digital umgesetzt werden. Man könnte das Blended Learning gut mit den analogen Zeitschriften wie Spiegel und Stern vergleichen. Man nimmt die gleichen Inhalte und stellt sie online. Immer noch eine verdammt gute Rendite und alles funktioniert, aber irgendwie wird hat man das Gefühl, dass wird nicht mehr lange halten.

Einige Verlage handeln und bauen ihre Online Portale aus, wie bei Bild und Spiegel-Online zu sehen ist. Modernes Storytelling, große mediale Elemente und inzwischen sogar eigene Video-Bereiche. Die Bild hat Premium Content mit der Bundesliga und wer kennt Spiegel.TV noch nicht? Beide Portale sehen den Text nicht mehr als Leitmedium, sondern als Ergänzung. Einzelne Leuchtturmprojekte werden geboren und anschaulich erzählt dieses Video, den Leidensweg des Online-Journalismus.

Die Hochschulen machen dies ähnlich und nennen die Leuchtturmprojekte dann MOOCs und jetzt wird es interessant. Auch wir merken überall, dass es mit dem alten Blended Learning so nicht richtig funktionieren kann. Wir schreiben immer noch Bücher (PDFs) und sind arrogant davon überzeugt, das das so weiterhin funktionieren muss, da es schon immer so war und unsere Rendite stimmt ja auch. Es kommen immer noch Studis an die Hochschulen und kriegen das Material wie vor 100 Jahren und bei Beschwerden machen wir es uns sehr einfach und sagen: Das liegt entweder an der Bologna Reform oder die Jugend wurde schlecht ausgebildet oder die Kids können sich dank Smartphones einfach nicht mehr konzentrieren. Was wir, und das ist der Unterschied zu den Verlagen, uns aber leisten können, wir müssen die Bedürfnisse der Kunden nicht erfüllen. MOOCs zeigen uns aber einen alternativen Weg, der aber noch neu und offen und anfällig für Kritik ist. Wir wissen alle noch nicht wie die Lehre der Zukunft aussehen wird, aber wir sollten auch alle inzwischen erkannt haben, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann.

Heute wollen die Kunden/Studis keine analogen “long Reads” mehr haben, denn sie wissen dank Snapchat, YouTube, Twitter und Co, dass es auch anders gehen kann. Und wie die Verlage ignorieren auch die Hochschulen diese Erkenntnisse und setzen dem Kunden/Studi einfach das PDF/Tafelbild vor und sagen, dass hat bei mir auch so funktioniert und Qualität kommt von Qual, also arbeite das jetzt durch, sonst kriegt man den Schein nicht.

Wir predigen immer noch das analoge serielle Buch als ideal der Wissensform, obwohl wirklich inzwischen alle (Buzzfeed, Facebook, Google, Spiegel, Coursera, ich 🙂 ) sagen, dass Video die Erzählform Nummer eins ist. Der Kunde will Videos haben und Bilder, aber wir geben ihm entweder unvertonte Powerpoint Slides oder halt PDFs oder noch schlimmer: Buchempfehlungen.

Die Crux an der Sache ist jedoch, dass wir immer noch denken, dass Inhalte von einem Fachexperten geschrieben(!) werden. Auch hier haben die Verlage und die Hochschulen die gleichen Probleme, denn ein wahrer Journalist recherchiert selbst, schreibt “long reads” und lässt das evtl. noch Korrektur lesen. Online-Journalisten sind Sekundär-Journalisten und duften lange nur Zweitverwertungen durchführen.

Inzwischen jedoch, und auch hier wird es spannend, rüsten die Medienhäuser auf:

Die Washington Post hat nach der Übernahme von Jeff Bezos die Angestellten nicht gekürzt, sondern um 100 neue Kollegen erhöht, aber davon waren fast 50 Techniker. Damit hat die Post ihre Entwicklerabteilung von 4 auf 47 quasi verzehnfacht. Neue Journalisten werden nur noch eingestellt, wenn sie hohe technische Kompetenz haben. Der moderne Online-Journalismus ist Teamwork zwischen Journalismus, IT-Development, Videos und Mediendesign. Auch Wolfgang Blau vom Guardian erzählt genau das gleiche und dort (ich hoffe ich hab die Zahl noch korrekt in Erinnerung) wurde die IT-Abteilung auf 370 erhöht!

Die Lernkurve ist bei den großen Verlagshäusern inzwischen angekommen, bei uns in den Hochschulen leider noch gar nicht. Wir predigen immer noch, dass ohne ein mediendidaktisches Konzept in der Online-Lehre gar nichts gehen dürfte. Technik darf nie die Triebfeder sein und daher werden auch die meisten E-Learning Konzepte aus der Geisteswissenschaft/Medienpädagogik gesteuert. Ich sage schon lange, dass dies grundlegend falsch ist, denn (schaut euch das Spiegel-Online Video oben an) E-Learning ist Teamwork aus verschiedenen Fachgebieten. Wir stellen schon lange keine Pädagogen ein, die keine Smartphones oder keinen Skype-Account haben, wenn wir überhaupt Pädagogen einstellen. Wir merken an den MOOCs, dass wir hier völlig neue Wege in der Kursgestaltung gehen müssen. Dabei spielt die Technik, die UX und das Storytelling zusammen. Wir brauchen bei MOOCs keinen Professor mehr, der alleine bestimmt, was der Inalt sein soll. Der Prof kennt und beherrscht leider nur das Buch-Format. Der kann gar nicht in MOOCs denken, genau wie der alte analoge Journalist. Moderne Hochschul-Inhalte müssen im Team entwickelt werden und neue Erzählformen haben.

mooin - Logo

mooin – Das MOOC Portal der FH Lübeck

Zusammenfassend kann man sagen, dass die alte Buchform und damit die serielle Erzählform tot ist, nur weiss man das noch nicht. Wir haben schon seit gut 20 Jahren eine Hyperlink-Erzählform, die jedoch gewissenlich ignoriert wird. Online werden diese alten Inhalte NICHT funktionieren und selbst die Verlagshäuser gehen diese Wege noch nicht konsequent, denn Fremdinhalte und externe Referenzen werden ignoriert. Hier fehlt noch eine Remix-Kultur, das passende Urheberrecht und OER-Inhalte. Neue Inhalte und Erzählformen werden gerade entwickelt und wir alle wissen nicht, wo der Weg hingeht. Die Verlage bauen die Online-Plattformen zu Medienportalen aus, einige Hochschulen entwickeln MOOCs aber es entstehen auch neue Angebote, wie Vice und Buzzfeed bei den Verlagen und Lynda, Coursera und auch mooin bei den Hochschulen. Zum Glück für uns, merken die meisten Hochschulen diesen Wandel nicht und die Probleme der Verlagshäuser sind erst in 10 Jahren die Probleme der Hochschulen, aber wie ich es so oft schon gesagt habe: Die Frage ist nicht, ob die Digitalisierung in die Hochschule kommt, sondern nur wann sie kommt.

 

  1. Hinsichtlich der medialen Formen stimme ich Ihnen uneingeschränkt zu: meist wird das Analoge im Digitalen gedacht und die Möglichkeiten des Mediums nicht ausgeschöpft. Aber das hat weniger mit Blended Learning zu tun, sondern vielmehr mit didaktischer Reflektion. An unserer Hochschule (in Wismar) klappt das immer besser, weil die Konzepte durch die enge Zusammenarbeit der Lehrenden und unseres E-Learning-Zentrums realisiert werden. Ich verstehe auch den Rant gegen Pädagogen nicht. Ich bin selbst Erziehungswissenschaftler und ich denke, dass ich in Sachen Lernen und Bildung ein ziemlich fundiertes Fachwissen habe; zudem nehme ich Medien in ihrer Struktur sehr ernst. Ich denke beim E-Learning liegt das Problem eher darin, dass Konzepte durch “Techniker” umgesetzt werden, die weniger darauf schauen ob das in das didaktische Konzept bzw. zur Lehrperson und den Studierenden passt. Das Kerngeschäft von Hochschulen ist Lehre; und da müssen sich Medien letztlich der Didaktik unterordnen. E-Learning ist eben kein Selbstzweck.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.