Campus Innovation oder besser Stagnation

Die Hamburger Campus Innovation ist quasi meine Lieblings-Konferenz. Nicht nur das sie in der besten Stadt Deutschlands stattfindet, nein es ist auch noch direkt vor der Haustür. Außerdem hat sie meiner Meinung nach das beste Konzept, da sie mit drei Tracks nicht nur E-Learning als Schwerpunkt setzt, sondern auch dem Campus-Management, der IT und dem eigenen Hamburger Projekten genug Freiraum lässt. Die Organisation ist quasi immer perfekt und dies Jahr gab es auch endlich mit #CIHH15 einen vernünftigen Hashtag, der im Programm gut und rechtzeitig platziert war. Das hat aber nichts an der Anzahl der Tweets geändert, die wie bei jeder E-Learning Konferenz, nur bei ca. 5% der Teilnehmer lag. Es ist ja bekannt, dass gerade in Deutschland, die sozialen Netze gerade nicht von den Intellektuellen genutzt wird. Warum sollte denn dann eine E-Learning Konferenz eine Ausnahme sein? Wo wir auch schon beim Grundproblem angekommen sind, die E-Learning Spezialisten in Deutschland verstehen immer noch nicht das Internet.

Keine Innovation, sondern Stagnation

Mir ist es schon bei den letzten Konferenzen aufgefallen, und die Teilnehmerzahlen geben mir da auch recht. E-Learning ist nicht (mehr?) innovativ und Beiträge sind meist fad und geben entweder Altbekanntes oder Selbstverständlichkeiten wieder. In Hamburg begann es schon mit der Keynote von Johannes Heinlein von edX, dessen Vortrag vor zwei Jahren spannend gewesen wäre, aber heute eher altbacken wirkte, bis auf die Erwähnung der Änderung der Architektur, weg vom Hörsaal, hin zum Learning Space.

Der negative Höhepunkt war vielleicht das tausendfach zitierte Bild der Papstwahl:

Papstwahl 2005 zu 2013

Sehr spannend fand ich die Entscheidung, dem Journalisten Christian Füller zur zweiten Keynote einzuladen, dessen Schwerpunkt bekanntlich Schulen sind. Sein Vortrag war nicht nur gut vorgetragen, sondern teilweise auch provokant, leider war dennoch kaum Neues zu entdecken.

Ich kann leider nur vom E-Learning Track berichten, jedoch hatten viele Vorträge eher das Scheitern, das Versagen und den negativen Ausblick als Thema. Beispielhaft fand ich hier den sehr guten Vortrag von Malte Persicke, der eigentlich nur beschrieben hat, warum er es nicht schafft, vernünftige MOOCs zu entwickeln, sondern es bei begleitenden Vorlesungsaufzeichnungen belassen muss.

Das ist genau die Situation, die in Deutschland zu oft passiert. Es gibt Dutzende wahrscheinlich sogar Hunderte einzelner Projekte, die aber immer personengebunden sind und es nicht schaffen, die Brücke in die Institution zu schlagen. Das liegt natürlich daran, dass jedes Projekt mit einem eigenen Projektstab vertraut ist und diese Mitarbeiter mit dem Projekt kommen und gehen. Das bedeutet immer Einarbeitung und dann fehlt die Verstetigung. Als Beispiel kann man immer die MOOCs nehmen, wo jedes mal ein Produktionsteam für die Videoproduktion entweder aufgebaut wird oder teuer eingekauft wird. Dann werden 20 Videos produziert, und danach verschwindet das ganze Wissen wieder. MOOCs werden aber erst bei der dritten oder vierten Produktion gut, aber das klappt nicht, wenn man nur einen MOOC beantragt hat und keine Wiederholungen gefördert kriegt obwohl die die Wiederholung natürlich kostengünstiger wäre (wenn man von xMOOCs spricht und nicht von cMOOCs).

Im krassen Gegensatz steht hier aber die Funktionsweise des Internets. Digitalisierung bedeutet Zentrierung! Das Internet braucht nur ein Kaufhaus, eine Suchmaschine und eine Landkarte. Vielleicht sind es auch zwei oder drei Angebote, aber niemals 428. Was den Hochschulen fehlt ist eine digitale übergreifende Strategie, wo wir schon beim nächsten Thema wären. Seit gut 18 Monaten wird plötzlich die digitale Strategie als neuer Hype durch die E-Learning Landschaft getragen. Was mit dem Stifterverband angefangen hat, wurde in Hamburg versucht weiterzudenken. Prof. Kerres hat hier einen schönen Vortrag gehalten, dessen Ergebnis für mich jedoch eher deprimierend aussah. Außer Absichtserklärungen und ersten Workshops ist quasi nichts passiert und wenn man viel Glück hat, werden Landesinitiativen gegründet, wie z.B. die Hamburg Open Online University. Man könnte das positiv sehen, da es jetzt endlich anfängt und E-Learning auch als Digitalisierung begriffen wird. Dies ist jedoch quasi Stand des Netzes von 2005. Das bedeutet, dass die Hochschulen immer noch nicht begriffen haben, was das Netz und die Digitalisierung ausmachen. Es wird immer noch klein klein gemacht, es wird sehr viel geredet und der Föderalismus steht konträr zur Digitalisierung. Internet bedeutet Geschwindigkeit und Vernetzung, aber wir fangen jetzt erst an, darüber nachzudenken was eine Strategie wäre, dabei können MOOCs ohne Strategie nicht nachhaltig funktionieren und OER hat auch nur einen Sinn, wenn man sie vernetzt benutzt. An den Weichen wird zaghaft gearbeitet, aber das Fundament bleibt unangetastet.

Und wie steht es um die Openness?

Wie auch immer Openness definiert wird, als Öffnung der Hochschule für den zweiten Bildungsweg z.B. über MOOCs oder als Anbieter freier Materialien z.B. OER, beides wurde wie immer nicht gelebt. MOOCs sind quasi nicht existent im deutschen Hochschulbereich, bis auf TU München, das HPI, FH Lübeck und mit Abstrichen TU9 und Leuphana und über OER wurde etwas geredet, aber wie immer nicht gelebt. Weder die Slides der Vortragenden, noch der Tagungsband und auch nicht die Videos (handwerklich wie immer sehr gut gemacht) sind als OER zugänglich. Hier wird erwartungsgemäß(?) kein Zeichen gesetzt, sondern es geht genauso langsam weiter, wie eh und je. Warum sollte man auch die Erkenntnisse der Forschung, dass OER u.a. qualitativ besser sind, selbst leben und vom Resharing oder Remixing will ich erst gar nicht reden. Da fragt man sich dann doch, wie das mit dem Konzept der Hamburg Open Online University vereinbar ist. Es ist halt wie immer, es wird sehr viel geredet aber weder gemacht und erst recht nicht gelebt.

Stagnation

Es tut mir leid und ich will diesen Beitrag nicht als Kritik der Campus Innovation sehen, denn für die Inhalte ist die Organisation nicht verantwortlich. Es geht mir um die Stagnation des  gesamten E-Learnings in Deutschland. Nach 15 Jahren muss doch langsam in der einen oder anderen Hochschule E-Learning mit Digitalisierung im Präsidium angekommen sein und es müsste doch ein oder zwei Leuchtturmprojekte in Deutschland sehen zu sein. Stattdessen wird eigentlich nur gezeigt, was nicht geht und es wird ganz viel gejammert. Die Erkenntnis jedoch, dass E-Learning nicht personengebunden ist, sondern institutionell betrachtet werden muss, darauf scheint nach dieser langen Zeit immer noch niemand zu kommen.

  1. Das Problem der fehlenden Verstetigung gibt es auch jenseits der digitalen Medien an Hochschulen. Wissen hängt bei wissenschaftlichen Mitarbeitern und geht verloren, sobald sie den Lehrstuhl verlassen — Wissensmanagement in den meisten Fällen Fehlanzeige (kannst von mir aus das gesamte SECI-Modell durchdeklinieren), auch an Lehrstühlen, die das Thema lehren. Oder nehmen wir besondere Projekte. Hier in Braunschweig wird die Lehre gerade mit einem solchen gefördert, weil es Geld vom Bund gibt. Wird der Hahn irgendwann zugedreht, wird damit Schluss sein, und die Angebote fallen weg.

    Openness ist doch in der Politik auch nur eine hohle Phrase unter vielen. Ich rätsele bis heute, weshalb das BMBF Unsummen für Projekte raushaut, aber in den Richtlinien nicht zur Bedingung macht, dass die in den Projekten erstellten Inhalte unter freier Lizenz erstellt und weitergegeben werden müssen. Stattdessen machen x Projekte dasselbe und kaufen gar noch Fotomaterial für Flyer und Broschüren, so dass auch ja nichts davon von anderen verwendet werden kann.

    • Lieber Oliver,

      ja das Hochschulen die Themen, die sie lehren nicht selber anwenden, ist eines der schlimmsten Erkenntnisse, die ich fast täglich erfahre. Da sind die Medienproduzenten, die mit Papier arbeiten und Nokia Handys nutzen, oder Didaktiker, die Frontalunterricht machen und Klausuren stellen. Das Qualitätsmanagement und die absoluten Grundkenntnisse in Unternehmensführung und Mitarbeitermotivation sind in manchen Bereichen unbekannte Wörter aber vor der Politik dann ganz laut die Freiheit der Lehre einfordern. Ungalublich das Unis damit immer noch durchkommen.
      Auf der anderen Seite gibt es aber auch unglaublich viele gute Leute, die super motiviert sind und sehr kreative Lösungen gestalten. Das System gibt auch dieses her. Manchmal hab ich das Gefühl, dass Lübeck das gelobte Land ist 🙂

  2. Lieber Andreas, danke für den ausführlichen Bericht zu unserer Konferenz Campus Innovation. (Auch) Kritisches ist willkommen! Wir werden gern weiter mit der Campus Innovation eine Plattform dafür bieten …die übrigens in den letzten Jahren immer neue Besucherrekorde zu verzeichnen hatte, daher habe ich die Formulierung “die Teilnehmerzahlen geben mir da auch recht” nicht verstanden ;-)Ob Vortragende ihre Präsentationen als OER verfügbar machen, liegt ja immer in ihrer individuellen Entscheidung. Einen Tagungsband zur CI15 gab es allerdings gar nicht, daher auch nicht als OER ;-). Wir werden versuchen, Deine Anregungen aufzunehmen und etwas draus zu machen, soweit es in unserer Macht steht. Hier auch schon mal der neue Hashtag: #CIHH16, 17. und 18. November in Hamburg 🙂

    • Liebe Helga,

      du bist mit der Grund, warum meine Kritik ausdrücklich nicht an die Organisation gegangen ist. Ich finde du machst einen fantastischen Job in Hamburg. Die Formulierung der Besucherzahlen war in der Tat missverständlich. Ich bezog das auf die GMW, die GeNeMe und auch die eMOOCs. Die Campus Innovation dagegen hat ja einen neuen Besucherrekord vermeldet. Das mit dem OER finde ich dennoch diskussionsfähig, da ich auch die Lecture2go Lizenz hier nicht verstanden habe. Da könnte man nachbessern.

      Liebe Grüße
      Andreas

  3. Genau genommen war E-Learning noch nie innovativ. Vielleicht mal ganz kurz, als die ersten LMS raus kamen oder auch als Moodle aufkam. Das ist aber 10 Jahre her – seitdem nichts mehr. OK, vielleicht die ersten xMOOCs aus den Hochschulen heraus – das war’s. Und jetzt geht’s gerade in der E-Learning Industry neben den Hochschulen ab. Das ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die Bachelor- und Master-Degrees selbst aushöhlen, weil sie für die Berufswahl immer weniger bedeutend sind.

    Warum sich so wenig getan hat, liegt m.E. v.a. an der Förderkultur, die lieber Technologieentwicklung fördert und dabei sehr “korrupt” vorgeht, weil da natürlich auch andere politische Ränkespiele mit reinspielen. Und an der irrsinnigen Bedeutung von Drittmitteln für das Ranking der Hochschulen – und hohe Summen lassen sich nur durch vermeintliche Technologieentwicklungen einspielen. Im Ergebnis sind Milliarden Gelder in Technologien geflossen, die nach Förderende wieder eingestampft wurden, weil keine Verstetigung möglich war. (Ich weiss, wovon ich rede!)

    Und ansonsten macht man an den Hochschulen halt lieber weiter so wie gewohnt. Das andere ist zu unsicher, man versteht es schlichtweg nicht und zieht sich dann in Arroganz zurück. Tja, aber Hauptsache die Gehälter der fest Angestellten und Beamten fliessen, die Reputation untereinander ist weiterhin gegeben – und es wird sich innerhalb des Systems NICHTS verändern. Geht gar nicht. Selbst wenn man wollte. Man tingelt weiter um die Welt, von Konferenz zu Konferenz, hört sich immer wieder dieselben Vorträge an usw. usf.

    Aber das interessiert da draussen auch keinen. Das will niemand wahrhaben. Statt dessen macht man weiter wie gehabt. Und bildet maximal mal einen Arbeitskreis. Herzlichen Glückwunsch!

    P.S.
    Ich hatte im letzten Jahr die 7 Baustellen der Bildung notiert:
    http://ununi.tv/news/7-baustellen-in-der-bildung-4-0

    • Liebe Anja,

      das liest sich noch böser, als mein Text 🙂 Leider muss ich dir in den meisten Punkten recht geben, bis auf die Förderung der Technologie. Vielleicht meinst du auch was anderes, aber ich kriege für meine Entwicklungen fast nie Förderungen. Wir müssen dies immer mit sehr kleinen Mitteln quasi nebenbei entwickeln. Das gilt sowohl für http://mooin.oncampus.de , als auch für http://loop.oncampus.de und wenn es einmal gefördert wird, ist es eine 1/4 Stelle, die quasi nur eine Schnittstelle entwickeln kann. Da ist sehr viel Kreativität gefördert. Ich kenne jedoch etliche technische Projekte, die das Rad schon das fünfte mal entwickelt haben (als erstes brauchen wir eine neue Plattform).

      • Stimmt, für Anpassungen und Weiterentwicklungen gibt’s kaum Geld. Nur für Neuentwicklungen, wobei diese von der Idee her natürlich fast immer kopiert sind.

        Und dann gibt es nach Projektende 2 Wege: Entweder etabliert sich diese Plattform innerhalb der Hochschule selbst als zentrale (weil auch dort intern gibt’s ja gerne Konkurrenzkampf) – und wenn das glückt, behält man die auf Teufel-komm-raus bei, weil da ja schon soviel Geld drin steckt und niemand das Gesicht verlieren will etc. pp. ODER sie wird einfach gleich nach Förderende wirklich eingestampft. Im Bericht wird noch verkündet, dass der Prototyp fertig gestellt wurde, aber leider aufgrund fehlender Ressourcen der weitere Verbleib ungesichert ist. Das war’s dann. Ach nee: Mit dem Etgebnis tingelt man dann trotzdem noch 1 Jahr über die Konferenzen. Ja, klingt böse, ist aber leider traurige Realität.

  4. Stefan Aufenanger says:

    Hallo zusammen,
    ich kann das hier vorgetragene nur unterstützen (auch das Lob für die CampusInnovation!). Die Hochschulen machen nur Projekte, zeitlich begrenzt, mit geringen Personal. An der Uni Mainz wurde 5 MOOCs (heißen bei uns LOOCS: Lehre mit Offenen Online Kursen) ausgeschrieben zu je 20.000 €. DAfür kann man keinen richtigen guten und bereuten Kurs entwickeln. DAs Geld für Projekte sollte besser in professionelle Zentrum gesteckt werden, die das qualifiziert machen. Professoren sind (meist) nicht dafür ausgebildet. Sie sollten das Thema geben, die Medienzentren sollten es umsetzen. DAS Hauptproblem ist aber eher, dass die Hochschullehrenden lieber ihre wiederholbaren Referatsseminare abhalten als innovative Lehre zu entwickeln. Hier muss die Veränderung stattfinden, in der Lernkultur der Uni. Brauchen wir noch 90 Min. Seminare, Seminarräume, Hörsäle oder Semester im Zeitalter digitaler Medien?

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