Und wenn wir uns irren und die Digitalisierung noch gewaltiger kommt?

Ein paar Gedanken und Erlebnisse der letzten 10 Tage haben selbst mich ins Denken gebracht, dass der digitale Sturm doch viel größer und viel schneller sein könnte, als ich es je vermutet habe.

tl;dr

Angefangen hat es mit dem bekannten re:publica Video, was ich schon letzte Woche verlinkt hatte:

Hier beschreiben 16jährige ihren Medienkonsum u.a. schauen die eigentlich gar nicht mehr Fernsehen und der gute Richard Gutjahr hat dann auf Facebook auch einmal gefragt, wie man den TV schaut und kaum einer schaut dort noch linear, also zeitgleich wie die Ausstrahlung TV. Die einzigen Ausnahmen sind Sport und anscheinend #Tatort . Parallel hab ich etliche Bekannte gefragt und viele Eltern konnten das bestätigen (meine elfjährige Nichte schaut gar kein Fernsehen mehr und alle aus ihrer Klasse auch nicht, aber auf YouTube Schminktipps) andere wussten allerdings nicht einmal, was ich meinte. Ich habe das Gefühl, das die Digitalisierung auch immer mehr die Gesellschaft spaltet.

In Amsterdam soll man die Van Gogh Ausstellung angeblich nur mit Online Tickets besuchen können (wurde mir berichtet, ich konnte das im Netz nicht überprüfen). Damit sind natürlich offliner ausgeschlossen, was mich zuerst verwundert hat, aber umso länger ich darüber nachdachte, umso besser gefiel mir die Idee. Das Museum kann natürlich über Smartphones die Besucherströme viel besser steuern und dadurch die Auslastung besser verteilen und Wartezeiten minimieren. Dazu kommt aber auch noch, dass man keine Headsets mehr braucht (Apps plus Smartphones ersetzen die) und auch Beschreibungen und sogar diese Multimediakisten, die immer kaputt sind, gehören dank BYOD der Vergangenheit an. Man muss “nur” radikal auf die Smartphones setzen und Online-Only sagen, dann hat man richtige Vorteile. Mischlösungen mit Papier und offline-Versionen erhöhen jedoch radikal die Kosten und erschweren auch Planungen.

Als letztes Mosaiksteinchen wurde über unseren VideoMOOC gebloggt und schön dargestellt, dass bei 1400 Teilnehmern ungefähr 140 VHS-Kurse ersetzt wurden (wobei man das natürlich nicht 1 zu 1 umrechnen darf). Sind MOOCs disruptive Kursangebote? Das könnte sein, wenn die weiterhin kostenlos angeboten werden, was ich aber nicht glaube. Trotzdem werden diese Kurse natürlich viel billiger sein, als vergleichbare Präsenzangebote und darüber kann man trefflich diskutieren, doch die Antwort wird der Markt geben und unser VideoMOOC hat wahrscheinlich jetzt schon mehr Kursteilnehmer als alle Lübecker VHS-Videokurse zusammen (falls es die überhaupt gibt).

Zusammenfassung

Was mich jetzt wieder zu Überschrift bringt. Viele, sogar sehr viele Menschen diskutieren darüber ob sich durch die Digitalisierung überhaupt etwas ändert bzw. sie merken sie nicht und andere behaupten es ändere sich alles. Viele versuchen die Entwicklung per Verbote aufzuhalten, man schaue sich nur die WLAN-Verbote in den Schulen an oder das Leistungsschutzrecht. Das kann sicherlich eine zeitlang funktionieren, aber der Druck wird ja immer höher, das sieht man jetzt u.a. bei der Störerhaftung, die bestimmt noch zweimal reformiert werden muss, bis sie funktioniert. Ich denke inzwischen, dass das Ganze wirklich sehr viel radikaler wird, als wir alle denken. Wenn ich persönlich sehe, dass ich seit Jahren keine CDs mehr brenne und auch keine USB-Sticks mehr nutze. Ich kaufe ungefähr zwei Zeitschriften im Jahr und das letzte Buch ist bestimmt ein Jahrzehnt her (aber die Stadtbibliothek nutze ich noch mit analogen Büchern, weil es nicht anders geht). Was wird aber passieren, wenn diese Smartphone-Generation in die Hochschulen kommt bzw. anfängt zu arbeiten und es wird nicht lange dauern, dann haben diese Kids Führungspositionen. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass es in 20 Jahren noch so etwas wie Fernsehsender geben wird und Zeitschriften werden auch verschwinden. Das kann gar nicht anders sein und wenn ich dieses Blog dann noch habe, kann mich jeder an meine Worte erinnern 🙂

 

  1. Vielen Dank für die schönen Überlegungen und Ausführungen. In vielen Punkten stimme ich zu.

    Mit Blick auf die Arbeitswelt kommen aber Überlegungen hinzu, auf die unsere digitale Gesellschaft noch keine passenden Antworten gefunden hat – und die den Jugendlichen auch heute egal sind. Stichworte sind Datenschutz, Datenmanipulation und (Wirtschafts-)Spionage. Wenn die digitalen Kids von heute bald als Entscheider und Verantwortliche in der Wirtschaft unterwegs sind, werden sie sich mit solchen Fragen auseinander setzen müssen – sind aber kaum darauf vorbereitet.

    Hier baut sich dann schnell die Klippe auf, die heute noch viel zu oft heißt: Druck es aus und hefte es ab.

    An dieser Stelle muss sich noch viel tun.

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