Die vergebenen Chancen der Didaktik im Zeitalter des Internets

Mit jedem Schritt den das Internet nach vorne gekommen ist, hat die Didaktik eine vergebene Chance hinterlassen. Die letzten 10 Jahren sind geprägt von Misserfolgen und zeigen mangelnde Weitsicht und fehlende Innovationskraft und zeigen sehr deutlich, dass die Didaktik schon lange der Technik folgt und das sehr langsam.

tl;dr

Wer kennt die Vorträge nicht, wo immer wieder gesagt wird: “Die Didaktik muss der Technik folgen” oder “Technik darf kein Selbstzweck sein” oder “Ohne didaktisches Konzept darf Technik nicht eingesetzt werden”. Andersrum habe ich aber noch nie Technik-Vorträge mit ähnlichen Aussagen gesehen. Natürlich gibt es technisch verliebtes Spielzeug, was einfach nur entwickelt wird, weil man es kann, aber es gibt nicht diese oder ähnliche Aussagen. Man könnte fast fragen, warum fühlt sich die Didaktik dazu genötigt, dies immer wieder zu betonen? Hat die Didaktik Angst vor der Technik?

Schauen wir uns doch einmal die großen Schritte der letzten 15 Jahre an.

Am Anfang war das Internet und damit das E-Learning oder wie man das damals so genannt hatte. Die Didaktik hatte aber nichts besseres zu tun, um davor zu warnen, was sie eigentlich heute immer noch macht. Von Anfang wurde gesagt, was alles nicht geht. Parallel hat das Internet langsam an Fahrt gewonnen aber der Durchbruch kam dann 2003 mit dem Web 2.0. Das Internet ist damals quasi explodiert, was mehrere Gründe hatte, vor allem war es mal wieder die Technik mit Breitband, der Cloud (damals noch eher Client-Server genannt) und der Usability. Moodle ist damals auch erfunden worden (sogar von einem Pädagogen)  und auch Facebook, Wikipedia und etwas früher Google. Beim E-Learning hatte man sich damals auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt und der ist bis heute gleichgeblieben: Blended Learning. Das bedeutet im Grunde nichts weiter, als der kleinste Schritt zur Innovation. Herausgekommen sind leider PDF-Download-Portale, die bis heute immer noch an Web 1.0 erinnern (Ausnahme vielleicht Canvas). Wir Techniker nannten das damals FTP-Server und die Didaktiker haben es LMS genannt 🙂

Als sich die Wikipedia begann sich durchzusetzen, wurde mal wieder davor gewarnt. Das hat eigentlich erst 2008 aufgehört, als der Brockhaus beschloss aufzugeben. Trotzdem wird bis heute vor den unseriösen Einträgen in der Wikipedia gewarnt, da sich alles dort ändern kann. Viele kennen immer noch nicht die Permalink-Funktion und über die Zitierfähigkeit kann man immer noch sehr lange diskutieren. Als kleine Anekdote kann man auch hier sagen, dass der Erfinder Jimmy Wales Wirtschaftswissenschaftler war und kein Erziehungswissenschaftler.

Auch den Einzug der Videos in die Hochschulen wurde verpasst. Kein einziges Videoportal wurde aufgrund der Lehre oder Didaktik gegründet. Inzwischen haben natürlich etliche Unis eigene Videoportale, die man eigentlich nie kennt, oder kennt jemand Lecture2Go oder Tele-Task? Apple hat hier mit iTunesU die Vorreiterolle schon lange übernommen und in Deutschland kamen Angebote wie SofaTutor eigentlich nie richtig in Fahrt. Im übrigen werden heute Filme im Unterricht meist immer noch per DVD oder PC gezeigt und dann meist per Beamer. Immerhin das gibt es inzwischen in Hörsälen Lautsprecher und Beamer und oft ist auch WLAN ist vorhanden, aber wir sprechen hier vom Jahr 2015.

2007 kam die nächste verpasste Chance, denn da hat Steve Jobs das iPhone vorgestellt und das hat er nicht wegen dem Mobil-Learning gemacht. Das war natürlich ein Riesenschritt und natürlich war es wieder ein Techniker. Mit Didaktik hatte das überhaupt nichts zu tun, sondern hier ging es um Usability, Experience und Emotions. Das hat die Didaktik bis heute nicht begriffen und erst Jahre später, kam das Mobil Learning auf, was heute aber immer noch von Minderheiten genutzt wird. Selbst wir haben auf unseren Systemen max. 24% Mobil-Nutzung (YouTube) und bei Moodle sind es ca. 10% und bei den MOOCs ca. 14%. Mobil Learning wird zwar immer als Trend genannt, aber die Wirklichkeit sieht noch anders aus und außer ein paar Organisations-Apps für Mensa, Bibliothek, Campusplan und Stundenausfall-Systemen wurde noch nichts sinnvolles erfunden und didaktisch gibt es nur Nischenprodukte.

Auch die berühmten Open Educational Resources sind nicht aus der Didaktik gekommen, denn die Informatik nutzt schon seit Jahrzehnten freie Bibliotheken um Programme zu entwickeln und es ist völlig normal, fremde Code-Objekte zu nutzen, weiterzuentwickeln und auch öffentlich zu machen. Lizenzmodelle gibt es unendlich viele und im Gegensatz zu OER, gibt es auch schon lange Repositories wie Sourceforge oder Git um den Code zu verteilen. Daher sind die Techniker/Informatiker auch im Verständnis des Sharing der Didaktik um Jahre voraus und auch in der Arbeitsweise der Kooperation.

Ähnliches gilt auch für das Corporate Working bzw. Learning, was glücklicherweise ganz langsam in den Unterrichtsalltag mittels Etherpad und Wikis Einzug hält. Auch hier geht die Schule nicht voran, sondern hinterher. Das gemeinsame Arbeiten an einem Objekt ist in der Programmierung Alltag, aber in der Lehre noch oft sehr weit entfernt. Hier könnte die Diskussion über Programmieren als zweite Fremdsprache helfen, diese geht jedoch bisher in völlig andere (falsche?) Richtungen. Programmieren wird hier meist mit coden verwechselt und nicht mit Cooperative Working/Teamarbeit und Sharing gleichgesetzt. Dazu kommen ganz andere Grundverständnisse in der semantischen Suche, Keywords oder simpler boolescher Algebra, die eigentlich jeder Outlook-Nutzer haben sollte, damit man ordentliche Filterfunktionen definieren kann.

Ich schreibe das jetzt natürlich etwas extremer auf, als es in Wirklichkeit ist und jedes einzelne Beispiel, kann man sicherlich diskutieren, was jedoch bleibt, ist die Summe und damit auch das Verständnis. In den letzten 10 Jahren wurde und wird immer noch vor der Technik gewarnt.

Es wird immer zuerst gewarnt, anstatt eine Chance zu sehen. Nicht ohne Grund werden die digitalen Angebote jedes Jahr mehr, doch statt sich der Herausforderung anzunehmen, wird sie weiterhin ignoriert oder als Sackgasse verteufelt. Es gibt immer noch viele Fakultäten in Deutschland, wo Lehramt ohne Mediendidaktik ausgebildet wird. Das bedeutet jedoch, dass diese Lehrer, wenn sie ca 2020 fertig studiert haben, niemals mit dem Internet zu tun gehabt hatten und diese Lehrer werden dann bis 2060 unterrichten und spätestens dann, wird sich das Internet auch in Schulen durchgesetzt haben 🙂

Die Techniker sprechen bei einer neuen Innovation meist von “Wow ist das cool, dann kann ich ja jetzt das machen.”, die Didaktiker sagen jedoch “Das ist zwar nett, ABER …” und dann kommt ein Grund, warum man es nicht einsetzen kann.

Zum Schluss kann ich eigentlich nur aufrufen, dass die Didaktiker nicht gegen das Netz arbeiten, sondern es inzwischen als Chance sehen sollten. Auf der anderen Seite sind aber die Hochschulen aufgefordert, endlich die Technik in das Curriculum einfliessen zu lassen. Der Umgang mit dem Internet, mit Hardware, mit OER und auch mit Online Prüfungen muss vermittelt werden und ich meine hier nicht Medienkompetenz.  Das Netz muss gleichbedeutend mit dem Lehrbuch stehen, die Handschrift gleichbedeutend mit der Tastatur und Frontalunterricht mit Tafel und Kreide muss ganz verschwinden. Smartphones sind Recherche-Geräte und Übersetzungsmaschinen plus Dictionary und Videoplayer und gehören in den Schulalltag. Man verbietet keine Lexika im Unterricht, sondern man baut das WLAN aus. Die Unis müssen hier aber selbst diese Techniken in der Lehramtsausbildung nutzen und nicht nur vermitteln. Sie müssen zeigen, dass es funktioniert und wie man damit Unterricht neu gestalten kann. Bisher wurden die Chancen nicht genutzt…

 

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