Gedanken zum OER-Festival 2016

Das war jetzt mein drittes OER-Festival fka OER-Konferenz in Berlin und es ist vielleicht Zeit, ein Fazit zu ziehen. Wo steht OER in Deutschland und was ist bisher geschehen und vor allem, was wird geschehen?

Manchmal lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit, denn 2013 und 2014 wurde die Konferenz noch von Wikimedia organisiert, aber 2015 hat sich wohl etwas geändert haben, denn es gab keine Konferenz in Berlin. Jetzt gibt es das OER-Festival mit einem neuen Konzept und mit den neuen Veranstaltern: Jöran und Konsorten, Transferstelle OER und oncampus.

oncampus beim OER-Festival

oncampus beim OER-Festival

Dazu gab es auch eine neue Heimat. Ich bin schon etwas stolz, wenn ich hier schreiben kann, dass die Landesvertretung von Schleswig-Holstein ein wirklich sehr offener, freundlicher Gastgeber in diesem Jahr war und ich möchte auch hier unseren Staatssekretär Fischer zitieren: „Schleswig-Holstein als Land der Meere, steht wie kaum ein anderes Bundesland für Offenheit und ist damit ein perfekter Gastgeber für das OER-Festival“.

Und nicht nur wir Lübecker engagieren uns tatkräftig für OER auch eine weitere Hansestadt hat mit der #hoou (Hamburg Open Online University) das vielleicht spannendste OER-Projekt Deutschlands gestartet und war in Berlin auch reichlich vertreten. Im Moment bekommt OER also mächtig Rückenwind aus dem Norden 🙂

Konferenz, Festival, Barcamp oder Award?

Das diesjährige OER-Festival ist quasi vor Aktionismus explodiert. Neben einem zweitätigem Barcamp, gab es noch das Fachforum und es gab auch Preise. Für manche war es zu viel, andere konnten gar nicht genug bekommen und wieder andere haben sich nur ihren kleinen Teilbereiche gesucht. Alles wurde natürlich medial und social begleitet. Inzwischen sind knapp 500 Bilder auf Facebook veröffentlicht und es waren auch mehrere Kamerateams unterwegs. Eine heutige Konferenz findet nicht mehr an nur einem Ort statt, wenn doch bloss andere angebliche E-Learning-Konferenzen auch wüssten, dass es das Internet gibt 🙂

Tipp: Inzwischen gibt es einen lesenswerten Storify, den ich hier wärmstens empfehlen möchte.

Ein anderes Highlight waren sicherlich die Awards. Preise müssen sein, denn so feiert sich jede Szene seit Jahren erfolgreich selbst und kann auch außerhalb auf Aufmerksamkeit hoffen. Neben der gelungenen Verleihung war der rote Teppich ein absoluter Eyecatcher und fast alle Preisträger haben sich hier ablichten lassen.

Alle #ichMOOC-Macher auf einem Bild

Alle #ichMOOC-Macher auf einem Bild mit dem „Preis für Innovation in der Erwachsenenbildung“

Überhaupt gab es dutzende schöner kleiner Ideen, die jede für sich das OER-Festival einfach besser gemacht haben. Ich weiss ja, wer dahinter gestanden hat und ich möchte mich hier ausdrücklich an das gesamte Orga-Team bedanken. Ihr ward alle super :-X

Und was ist denn nun passiert?

Als erstes muss man sagen, dass OER in Deutschland angekommen ist. OER ist inzwischen ein Querschnittsthema geworden, denn das Festival hat eines ganz sicherlich gezeigt, OER ist aus der Nische der Experten herausgetreten denn es waren zum ersten mal auch größere Kreise dabei. Neben der Politik (ich habe persönlich mit der SPD, den Piraten und den Grünen gesprochen), waren auch Stiftungen und Gewerkschaften vertreten und natürlich die Bildungsorganisationen Schulen, Volkshochschulen und Hochschulen und dazu natürlich viele Verbände und Vereine. OER stösst inzwischen auf ein breites Interesse, obwohl bestimmt immer noch geschätzte 98% nicht wissen, was OER ist.

Dann darf man nicht unterschätzen, was vor und nach einer solchen Konferenz passiert. So fördert der Bund seit letztem Jahr OER mit 2 Millionen Euro pro Jahr und so wurden kurz vor Konferenzbeginn zwei Projektergebnisse veröffentlicht, zum einen MappingOER und die Machbarkeitsstudie. Beide wurden sehr kontrovers diskutiert und die nächste Ausschreibung ist auch schon online. Ich sehe alle drei Förderungen auch sehr kritisch, muss jedoch sagen, dass hier auch der gute Wille zählt und man sollte erstmal froh sein, dass überhaupt etwas passiert. Besser geht es immer, und dann sollte man es auch selbst besser machen oder verstummen.

Das Qualitätssiegel

Was immer wieder diskutiert wird ist die Qualitätssicherung von OER und nur damit, könne sich OER durchsetzen. Viele Experten sagen jedoch, dass ein bürokratischer Qualitätsmanagement-Prozess und vor allem eine „finale Version“ eines OER-Nuggets, die wahren Möglichkeiten und die Dynamik von OER töten würden. OER besteht aus dem Remix (obwohl dies noch nicht gelebt wird) denn digitale Inhalte sind per se zum weiterverwenden gedacht. Eine Verknüpfung mit einem Qualitätssiegel kann so nicht funktionieren, jedoch habe ich schon bei der GMW an einer unsinnigen „Qualität in Videos“-Diskussion teilgenommen, wo danach grade einmal 50% meiner Meinung gefolgt sind. Alle Politiker sind eigentlich meiner Meinung, aber leider sagen auch alle, dass das Qualitätssiegel kommen wird. Versteht einer diese Politik?

Außerdem verstehe ich überhaupt nicht, warum jemand, der OER macht und kostenlos ins Netz stellt, sich auch noch die Arbeit machen sollte, diese Inhalte bei einer Prüfstelle einzureichen? Dadurch hat er doch nur Mehrarbeit, die dann für Aktualisierungen fehlt. Hier zeigt sich schon auf mehrere Ebenen, dass man weder das Internet, die Digitalisierung noch OER verstanden hat, aber die deutsche Bürokratie und die sinnfreie Überzeugung von Qualitätsmanagement hat man verinnerlicht. Womit ich aber auch nicht sagen will, dass Qualität unwichtig wäre. Aber es gibt Mechanismen, wie z.B. Like-Buttons, Klicks, Resharing und Disskussionsforen (siehe YouTube), die wichtige Indikatoren von Qualität seien können. In 95% aller Fälle reicht das und jetzt sollte man erstmal ein besseres System zeigen, was auch keinen Aufwand macht.

Und dann war da noch die Rechtssicherheit

OER-Macher brauchen Sicherheit ist auch eine Forderung, die sich gut anhört, aber schwer umsetzen lässt. Die einen fordern eine Fair-Use-Regel wie in den USA, was aber auf EU-Ebene nie kommen wird und andere sagen, man solle doch einen Fonds einrichten, aus dem die Anwälte der OER-Macher bezahlt werden. Das man damit nicht das Problem löst, sondern nur Symptome bekämpft, muss man gar nicht erst sagen und natürlich ist das eine willkommenes Geschäftsmodell für jeden Abmahn-Anwalt. Wenn man weiss, dass die Prozesskosten immer bezahlt werden, finden sich schon einige Anwälte, die nur darauf warten zu klagen. Und ich möchte gar nicht erst wissen, wer dann auch noch entscheidet, wer förderfähig ist und wer nicht. Es wäre viel besser einen Fonds für OER-Macher zu machen, aber mit dem fOERde-Award wurde hier schon ein kleiner Schritt, in die richtige Richtung gemacht.

Und wo sich alle einig waren

Alles was gefördert wird, muss OER sein! Dazu muss man gar nicht viel schreiben, da es logisch ist. Meine Steuergelder sollten auch der Öffentlichkeit dienen. Man kann jetzt sofort damit anfangen, tut keinem weh und was in der Vergangenheit produziert wurde, bleibt auch dort. Hat man das umgesetzt kann man sagen, dass irgendwann einmal, alle Lehrer und Professoren auch alles unter OER veröffentlichen sollten, aber wir wollen nicht gleich übertreiben. Es wäre auch schön, wenn wenigstens Konferenzen, die sich mit dem Thema beschäftigen, wie GMW, Campus Innovation, Learntec und Online-Educa darauf bestehen würden, alle Konferenz-Beiträge als CC BY zu veröffentlichen.  Das kann doch nicht so schwer sein.

Und was hab ich so gemacht?

Als OER-Macher und Mitveranstalter hat man natürlich volles Programm. Ich hab eine OER-Maker Session beim Barcamp gehalten, hab mich ganz viel mit Politikern unterhalten und war auf zwei Panels beim Fachforum.

Parallel hab ich dann noch ca. 10 Interviews für den kommenden #COER16 MOOC aufgenommen und natürlich ganz viel genetzwerkelt.

Und wie geht es weiter

Ich hoffe nach dem #OERde16 ist vor dem #OERde17 , also es soll jetzt erstmal alles verstetigt werden. oncampus und Jöran & Konsorten können gerne wieder ausrichten, dazu rollen Graz und Lübeck die OER-Szene aus dem Norden und Süden auf, denn wie gesagt, wir machen den #OER-MOOC #COER16 gemeinsam auf zwei MOOC-Plattformen.

Wir werden dies Jahr sicherlich noch ein paar OER-MOOCs veröffentlichen, u.a. Arbeit 4.0 und Netzwerksicherheit. Die Politik hat erste Weichen gestellt und wir reden sehr viel mit Politikern, die sehr oft besser sind, als ihr Ruf.

Und natürlich wird OER als Querschnittsthema bei allen zukünftigen Konferenzen ein Thema sein und alle Veröffentlichungen sollten, wie oben erwähnt,  auch OER sein.

Resume

Die Konferenz war meiner Meinung nach sehr wichtig. Es war genau der richtige Zeitpunkt und am richtigen Ort um die Szene zu vernetzen, sich auszutauschen und Projekte anzustossen. OER ist in allen Bildungsbereichen angekommen und verstetigt sich. Der Norden wird in den kommenden Jahren wahrscheinlich eine Hauptrolle spielen und alle anderen sind aufgefordert mitzumachen. Auch die MOOCs, trotz aller Kritik, sind einer der Hauptmotoren in der OER-Bewegung und stehen als Flagschiffe für die neuen Möglichkeiten der digitalen Bildung. Und zu guter letzt, es hat wirklich Spaß gemacht 🙂

 

 

Warum können wir OER machen?

Die #OERde16 steht vor der Tür und oncampus ist einer der Veranstalter. Ich freue mich darüber riesig, denn ich unterstütze OER (Open Educational Resources) schon lange. Angefangen hat das vor neun Jahren mit dem Soft-Skills-Online Kurs „Medienkompetenz“, den ich damals als Autor geschrieben habe. Daran kann man auch sehen, wie lange manche Ideen brauchen, bis sie in eine Institution übergehen.

OERde16

Ich habe seit dem noch an vielen #OER-Projekten mitgearbeitet, unterstützt oder selbst umgesetzt, z. B. L3T, Schulbuch-O-Mat, VFHCAB, Wikimedia Wissenswertpreis, YouTube-Playlists und jetzt natürlich unsere MOOCs wie der ichMOOC, MOOC25 oder Projektmanagement. Bei allen Projekten waren mir die Vorteile jedoch nicht immer klar. Natürlich ist es besser für die Welt, wenn alles frei verfügbar ist und dieses deutsche Urheberrecht ist auch zu kompliziert. Dazu kommt, dass man als Hochschule auch einen gesellschaftlichen Auftrag hat, sonst könnten wir auch Studiengebühren einführen. Vielleicht stehe ich mit dieser Meinung aber auch alleine da. Trotzdem ist der wahre Vorteil, von OER schlecht greifbar und vermittelbar.

Im Intranet (LMS) herrscht Anarchie

Warum kaum ein Mensch weiss, dass er  OER braucht ist ziemlich einfach. So lange die Materialien in einem geschlossenen System, wie z. B. LMS stehen, merkt kaum keiner, ob dort Urheberrechte verletzt werden oder Plagiate stehen. Das Intranet ist gefühlt ein rechtsfreier Raum, was sich aber demnächst ändern soll.

OER für sich alleine bringt kaum Mehrwert

Professoren sind Einzelkämpfer und Vorlesungen sind in der analogen Welt auch Einzelveranstaltungen. Jeder bereitet seine Vorlesung mit seinen Materialien vor. Es gibt kaum einen Grund oder auch Vorteil fremde Inhalte zu verwenden und es gibt sogar erhöhten Aufwand, wenn man seine Materialien frei ins Netz stellt, da man plötzlich auf die Rechtslage achten muss. Und wenn man fremde Inhalte benötigt, kann man doch auch eine Literaturliste anfertigen und die Studis in die Bibliothek schicken.

OER hat sein Vorteile erst in der fremden Wiederverwendung

Warum braucht man also OER? Das „Aha“-Erlebnis hatte ich bei unserem ersten Refugee-Kurs, wo wir OER-Materialien im Netz gesucht haben. Es war jedoch einfach nichts zu finden, denn entweder waren das nur Blended-Learning Inhalte, wie z. B. Powerpoint-Slides oder kurze PDFs oder sie waren nicht portierbar oder es war halt nicht OER. Wir haben dann einen eigenen Kurs ins englische übersetzt, was jedoch nur einen Teilproblem darstellt. Ganz allgemein sind Übersetzungen ein ideales Beispiel, warum man OER braucht, denn man könnte ganz schnell (fremde) Inhalte übersetzen und anpassen. Das ist gerade jetzt aktuell, wo man doch arabische oder englische Inhalte sehr schnell für Flüchtlinge benötigt. Diese könnten dann z. B. auch von der Crowd übersetzt werden, wenn man denn die Rechte hätte.

Der andere Punkt ist jedoch wesentlicher, denn der Grund warum wir überhaupt komplette Kurs-Inhalte hatten und keine granularen Learning Objects ist, wir arbeiten im Netzwerk. Es war in der Virtuellen Fachhochschule schon immer so, dass Inhalte geshared wurden und viele Hochschulen, die gleichen Inhalte verwenden. Man entwickelt einmal (meist kostenintensiv) und verwendet die Inhalte n-mal. Das ist der Unterschied zwischen analog und digital, denn im Netz machen Inhalte für einen alleine immer weniger Sinn. Das Internet fördert die Zentrierung auf der Produktionsseite und kann daher die Individualisierung auf der Anwenderseite (irgendwann?) ermöglichen. Die Grundstruktur der Arbeit/Lehre ändert sich daher radikal. Manche nennen das Arbeit 4.0 oder bei uns Hochschule 4.0.

OER ist der Schritt nach der Digitalisierung

Viele Experten haben geschrieben, dass E-Learning gescheitert wäre. Das könnte ich sogar unterschreiben. Ich habe immer gesagt, dass das „M“ im LMS, der wichtigste Buchstabe ist. Es geht nicht vorrangig um das Learning, sondern um die Gesamtheit. Die Digitalisierung verändert die Organisation, das Management und letztendlich (und nicht zuerst) die Lehre. Die sogenannten E-Learning Projekte sollten also personenunabhängig autonom aufgestellt sein. Das funktioniert sehr viel besser, wenn sie offen sind. Nur dann könnten andere die Inhalte übernehmen und anpassen oder übersetzen. Damit das aber funktioniert, muss das Selbstverständnis der Lehre diskutiert werden. Professoren dürfen sich nicht mehr als Einzelkämpfer sehen und Intranets sind keine rechtsfreien Räume.